Am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-,Trans- und Queerfeindlichkeit (IDAHOBIT*) erinnern Menschen auf der ganzen Welt mit vielfältigen Aktionen an den 17.05.1990, der Tag, an dem Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestrichen wurde. Seitdem gilt sie offiziell nicht mehr als Krankheit.
Aber wie sieht die gesellschaftliche Realität aktuell in Bayern aus? Was lässt sich gegen steigende Hasskriminalität tun? Wir haben der Fachstelle Strong! drei Fragen gestellt.

Welche Entwicklungen queerfeindlicher Hasskriminalität in Bayern beobachtet ihr derzeit?
In den letzten drei Jahren beobachten wir bei Strong! einen Anstieg der queerfeindlichen Vorfälle in Bayern von denen wir erfahren– sowohl in Form von körperlichen Angriffen als auch in alltäglicher Diskriminierung, Beleidigung und Bedrohung. Insbesondere Hate Speech und Beleidigungen online werden uns häufiger gemeldet. Dieser Anstieg bedeutet nicht automatisch, dass es mehr Vorfälle gibt – sondern auch, dass Betroffene häufiger den Mut finden, sich an uns oder andere Beratungsstellen zu wenden. Gleichzeitig nehmen wir aber auch wahr, dass das Klima im Bezug auf queere Themen rauer wird und Queerfeindlichkeit in allen Teilen der Gesellschaft salonfähiger wird. Daher ist es für uns schwer einzuschätzen, ob das Dunkelfeld weiterhin bei 80-90 % liegt, wir gehen aber immer noch davon aus, dass die große Mehrheit der Vorfälle nicht erfasst wird. Denn viele Vorfälle werden weder angezeigt noch gemeldet, weil Betroffene Angst haben, bei Ermittlungsbehörden nicht ernst genommen zu werden oder keine Konsequenzen für Täter*innen zu erwarten sind. Das zeigt: Sowohl die offiziellen Statistiken als auch unsere nicht repräsentative Statistik, bilden nur einen kleinen Teil der Realität ab. Deshalb ist es wichtig, niedrigschwellige Anlaufstellen wie Strong! zu stärken und die Sichtbarkeit von queerfeindlicher Diskriminierung und Gewalt zu erhöhen.
Welche Zielgruppen bzw. Bevölkerungsteile werden eurer Meinung nach noch zu wenig mit Informations- und Beratungsangeboten erreicht?
Queere Menschen in ländlichen Regionen Bayerns haben oft deutlich weniger Zugang zu queeren Strukturen, sicheren Räumen und Beratungsangeboten. Auch Jugendliche, queere Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung, nicht weiße Menschen, ältere Menschen und queere Personen mit Behinderung werden oft nicht ausreichend erreicht – sei es durch sprachliche Barrieren, fehlende barrierefreie Angebote oder mangelnde Sichtbarkeit. Gerade im ländlichen Raum fehlt es häufig an Awareness, Sensibilisierung und konkreten Unterstützungsangeboten – dabei ist der Bedarf da. Hier braucht es gezielte Aufklärung, Community-Aufbau und Fortbildungen von Fachkräften aus unterschiedlichsten Bereichen, wie zum Beispiel im Bildungssystem.
Was haltet ihr für das beste Mittel gegen Queerfeindlichkeit?
Queerfeindlichkeit ist kein individuelles Problem – sie ist strukturell. Deshalb braucht es gesamtgesellschaftliche Maßnahmen, die queere Menschen ernst nehmen, schützen und einbeziehen. Wünschenswert wäre es, die Teilhabe queerer Personen an politischen Entscheidungen, Gesetzgebung und gesellschaftlichen Debatten zu stärken. Dies wäre ein entscheidender Schritt gegen Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTIQ*. Impulse dafür beinhaltet der geplante Aktionsplan Queer für Bayern. Außerdem bleibt Bildung ein wichtiges Mittel gegen Queerfeindlichkeit: Aufklärung in Schulen, Fortbildungen für Polizei und Justiz sowie Sensibilisierung in Medien und Verwaltung müssen Hand in Hand mit anderen Maßnahmen gehen. So können wir eine Gesellschaft schaffen, in der queere Menschen sicher, sichtbar und gleichberechtigt leben können – überall in Bayern und darüber hinaus.
